Was für ein Unternehmer-Typ ist Vanessa Kullmann?

Vanessa Kullmann ist Unternehmerin. Das war sie bereits vor 12 Jahren, als sie ihren ersten Coffeeshop in Hamburg eröffnete. Aber, mit Bezug auf die Theorie, was für eine Unternehmerin ist sie? Welcher Ansatz erklärt Kullmann als Entrepreneur am besten?

Unternehmertheorien

Kullmann - keine große sache

Das Gabler Wirtschaftslexikon unterscheidet in seinem Artikel zum Entrepreneurship fünf Ansätze zur Definition eines Unternehmers.

Diese reichen von Richard Cantillon (1734), der den Unternehmer in erster Linie durch Profitstreben und Risiko-Übernahme gekennzeichnet sieht über Jean-Baptiste Say (1816), dessen Unternehmerbegriff vor Allem mit der Kombination von den drei Produktionsfaktoren Land, Kapital und Beschäftigung während des Produktionsprozesses in Verbindung setzt, bis hin zu den Wirtschaftswissenschaftlern des 20. Jahrhunderts Frank Knight (1921), Joseph Schumpeter (1934) und Israel Kirzner (1973). Knight sieht den Unternehmer als Träger von Ungewissheit, die anders als das Risiko nicht mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten kann. Schumpeter dagegen setzt den Unternehemr mit einem schöpferischen Zerstörer gleich, der innovativ ist und das Marktgleichgewicht auseinander nimmt. Kirzner’s Interpretation des Unternehmerbegriffs ist der Schumpeters ähnlich. Doch sieht er noch vielmehr die Rolle als Entdecker von Möglichkeiten, die der Markt bislang nicht offen gezeigt hat.

Vanessa Kullmann | Unternehmerin in der Theorie

Versuchen wir Vanessa Kullmann als Unternehmerin diesen Begriffen unterzuordnen, wird schnell deutlich, dass eine strikte Abgrenzung zwischen den Definitionen nicht möglich ist, da sie alle Eigenschaften des Unternehmers darlegen, die auch für Kullmann gelten.

Gemäß Cantillon ist sie auf jeden Fall eine Trägerin des  unternehmerischenRisikos. Zu Beginn ihrer Selbstständigkeit hat sie beispielsweise einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von fünf Jahren unterschrieben, ohne die Gewissheit zu haben die Miete über diese lange Zeit tragen zu können. Auch der Bankkredit in Höhe von 300.000 DM musste abbezahlt werden und war beantragt bevor auch nur ein Pfennig mit Balzac Coffee verdient wurde. Auf der anderen Seite zeichnet sie sich aber nicht durch pures Profitstreben aus. Sie selbst behauptet sogar, dass „viele Konzepte scheitern, weil jemand nur das große Geld im Sinn hat“ (Kullmann, Keine große Sache, S. 14).

Say: Natürlich kombiniert sie Land, Kapital und Beschäftigung im Produktionsprozess, indem sie in ihren Coffeeshops (Land) Personal und Kapital einsetzt um damit eine Dienstleistung und natürlich Kaffeegetränke zu produzieren.

Auch ist sie, wie Knight sagt, Träger von Ungewissheit, denn sie wusste von Beginn an zum Beispiel nicht, ob ihre Dienstleistung überhaupt angenommen wird oder eine andere Kette den Markt zu erobern plant.

Als schöpferischen Zerstörer kann man sie kaum bezeichnen, es sei denn die Absatzzahlen der umliegenden Kaffees wären durch die Coffeeshops stark zurückgegangen. Im Gegenteil kann man wohl sagen, dass der Markt durch sie geöffnet wurde für insbesondere italienische Kaffeegetränke wie Latte Macchiato und Co., was sicher auch eine Art Zerstörung der alten Strukturen darstellt.

Kullmann nach Kirzner

Am besten kann der Unternehmertyp Vanessa Kullmann aber mit der Entrepreneur-Theorie von Israel Kirzner beschrieben werden. Für ihn ist der Unternehmer ein Nutzer und Schaffer von Ideen, mit denen er den Markt verändert, eingreift und auch das Gleichgewicht in Frage stellt, zuweilen zerstört.

Kirzner sieht den Markt im Ungleichgewicht, weil Fehlentscheidungen ihn dahin gebracht haben. Der Unternehmer sieht diese Defizite und nutzt die Gelegenheit um sie auszugleichen. Dass der Unternehmer die Unsicherheit ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, ausnutzt, beschreibt nicht nur seine Chance am Markt erfolgreich zu sein, sondern auch seine „Rolle der Entdeckung“. Er ist aufmerksam, kreativ und hat Gespür für gute und schlechte Ideen.

Genau diese Definition passt auf Vanessa Kullmann. Sie hat die „Fehlentscheidung“, dass es in Deutschland bisher niemand gewagt hat, sehr guten Kaffee in Pappbechern zum Mitnehmen zu verkaufen, ausgenutzt und mit Kreativität und Gespür dafür gesorgt, dass ein Markt für Coffee to go entstanden ist. Hätte sie sich auf ihre erste Marktforschung verlassen, nach der kaum jemand Interesse an dem Konzept gezeigt hat, hätte sie ihre Idee vielleicht verworfen. Ihr Gespür und ihre Erfahrungen in Amerika haben ihr aber gesagt, dass dieses Konzept eine Zukunft hat und haben kann. Sie hat den deutschen Markt für Coffee to go also „entdeckt“ und die Gelegenheit ausgenutzt, dass außer ihr niemand mit dem gleichen Ehrgeiz an dieses Konzept geglaubt hat. Damit hat sie Kirzner’s wesentliche Aufgabe eines Entrepreneurs erfüllt: Sie hat Gelegenheiten erkannt und ausgenutzt.

Quellen

  1. Vanessa Kullmann: keine große sache, Heyne Verlag, 2007, insb. Seite 14
  2. Gablerwirtschaftslexikon, Entrepreneurship, veröffentlicht: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/entrepreneurship.html, besucht: 25.10.10, 19Uhr
  3. Gleichgewicht durch Entrepreneurship – Die Kritik von Kirzner am neoklassischen Modell, Mannheimer Gründer Guide, Institut für Mittelstandsforschung, Lehrstuhl für Mittelstandsforschung und Entrepreneurship, Uni Mannheim, veröffentlicht am 03.12.08 auf http://www.gruender-guide.de/training/theorie/forschung/volkswirtschaft/gleichgewicht-durch-entrepreneurship, besucht: 25.10.10, 19.00 Uhr
  4. Bildquelle: http://www.amazon.de/gp/product/images/3453650069/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=299956&s=books
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  1. #1 von Daniela am Oktober 25, 2010 - 7:51 pm

    Ich denke der entscheidende Faktor für Vanessa Kullmann’s Erfolg war, dass der deutsche Markt die „coffee-to-go“ Kultur angenommen und zu schätzen gelernt hat. Der Markt hat auf das neue Angebot aus Vanessa Kullmanns Sicht glücklicherweise so reagiert, wie sie es sich erhofft hatte. Die Kunden waren vielleicht anfangs noch skeptisch, erkannten aber schnell welche Vorteile eine frischer Kaffee zum Mitnehmen hat.

    Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass Balzac Coffee ein Copycat von Starbucks ist, welches aus Amerika kommt. NIcht allzu selten werden Ideen aus Amerika nach Deutschland oder in andere Europäische Länder „importiert“ und werden von den Einheimischen, in diesem Fall von den „Hamburgern“ zum Teil sehr gern angenommen, weil sie bereits davon gehört haben und weil es einfach innovativ und aus „Amerika“ kommt.

    Was ich damit sagen will ist: Der Erfolg von Balzac Coffee kann vielleicht auch der Tatsache zugeschrieben werden, dass viele amerikanische Ideen, die irgendwann über den großen Teich schwappen einfach willkommen sind, weil das Ursprungsland das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist.

    Ein kleines Beispiel: hier in Deutschland gibt es Sushi-to-go. Man bestellt, fährt hin und holt es selbst ab. Für Unterwegs, beim Shoppen beispielsweise ist Sushi denkbar ungeeignet. –> Denkt man. In Australien dagegen haben sie Sushi auch schon seit Jahren – auch „to go“. Aber in einer ganz anderen Form: sie können als ganze Sushi-Rolle in der Hand gegessen werden. Ohne kleckern und ohne Komplikationen. Komisch, dass diese Idee hier noch niemand hatte. Aber sind die Ideen aus anderen Ländern genauso „gern gesehen“ wie Ideen aus Amerika? Ich denke, dass genau hierin der kleine aber feine Unterschied liegt. Was meinst du?

    Quelle: take-away-sushi: http://www.deutscheinmelbourne.net/melbourne-erfahren/melbourne-menschen/451-melbourne-2010-lea-borgmann-erfahrungen-ausland.html

  2. #2 von Andrea am Oktober 26, 2010 - 9:13 am

    Also, erstmal denke ich nicht, dass sie Erfolg hatte, weil eben der Markt „glücklicherweise so reagiert“ hat. Sie hat Wochen um Wochen damit verbracht den PERFEKTEN Espresso zu brühen, auf dem Zucker schwimmen kann (Schaum); für den man aber eigentlich gar keinen Zucker braucht, weil ein perfekter Espresso nicht bitter schmeckt.. Weitere Wochen hat sie damit verbracht die Milch so zu schäumen, dass sie ebenfalls perfekten Schaum ergibt. Sie hat sofort auf Kundenwünsche reagiert, da diese eben keinen Coffee-to-go wollten sondern Porzellantassen. Das take-away Prinzip hat sich erst dann durchgesetzt. Sie hat nicht einfach nur eine Idee kopiert, sie hat sie perfektioniert und das ist ein Unterschied.

    Natürlich kann heute jeder Kaffee zum Mitnehmen verkaufen. Aber sie wollte ein Erlebnis verkaufen. Auch wenn dieses Erlebnis importiert wurde, wäre es ohne jemanden wie Kullmann nicht so erfolgreich geworden.

    Klar, Balzac Coffee ist ein Copycat, deswegen schreibe ich ja auch darüber. Aber es ist keine plumpe Kopie von Starbucks. Sie hat für zahlreiche Coffeeshops in New York die Dos and Don’ts analysiert und sie in in ihrem Konzept verarbeitet.

    Zu deiner These, dass wir Ideen nur aus den USA klauen: Ich glaube nicht, dass das so ist. Aber sicher gibt es mehr Ideen in Deutschland, die aus den USA kommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt, wo Australien immer mehr hypt, also immer mehr Jugendliche und Studenten ein paar Monate dort verbringen, auch von dort vermehrt Ideen zu uns rüberschwappen.

    Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die USA ein sehr innovatives Land sind. Oder, dass es dort einfach soviele Menschen gibt und viele von denen selbstständig sind.. Es gibt einfach viele gute Ideen dort. Die Wahrscheinlichkeit, dass davon eine kopiert wird, ist viel größer.

  1. 2. Woche Copy Cats – summary « German CopyCats

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