Kommando „stopalle“ an die Nummer 33333

Hier folgt wie angekündigt der zweite Teil zu Jamba – schlechten Geschmack teuer verkauft.

Klingeltöne vom (Fließ)band wurden in einer ehemaligen Getreidefabrik in Kreuzberg produziert. In endlose Hallen reihen sich lange Tischreihen aneinander. Vollgestellt mit Computern, davor junge Mitarbeiter mit Kopfhörern auf den Ohren. So beschreibt ein FAZ-Artikel aus 2005 die Klingeltonfabrik. Hundert verschiedene Handymodelle liegen herum, um zu testen dass das Abspielen der neusten Nervigkeiten nicht an Hardwarehindernissen scheitert.

Der Charme einer Hinterhofagentur sei jedoch verflogen, spätestens mit der Verzehnfachung der Mitarbeiterschaft. 480 fleißige Paar Hände fliegen über die Tastaturen und sorgen für den  unerschöpflichen Nachschub an Melodien und bewegter Bilder für Mobiltelefone. Unternehmerisch gesehen eine beeindruckender Erfolg. Vom Start-Up zum Schaffer von fast 500 Arbeitsplätzen in kürzester Zeit.

Zu den Arbeitsbedingungen: „Wem es hier nicht passt, der kann ja gehen.“ ist der Kommentar Tilo Bonows, Pressesprecher von Jamba, zur stärker aufkommenden Kritik. 1.400 brutto im Monat, zu leistende Mehrarbeit und Überstunden werden nicht extra vergütet. „Viele sehen in dem Arbeitsvertrag eine Aufforderung, der Firma ihren Feierabend zu schenken“ schreibt Burkhard Schröder im  TIP Berlin, 06.10.2004. Ob damit „weit überdurchschnittliches Engagement und hohe Belastbarkeit“ gemeint ist, wie es in Stellenanzeigen Jambas gerne stand? Zugegeben, technische Spezialisten sollen auf gute Arbeitsbedingungen stoßen. Ausgetragen scheint die Produktivität auf den Schultern Schwächerer zu werden:  Wer als „normaler“ Mitarbeiter angestellt wird bekommt einen Zeitvertrag, der befristet auf ein Jahr ist und in den ersten sechs Monaten auf Probe – Kündigung problemlos möglich. Wer keinen Arbeitnehmervertrag bekommt, darf sich als Praktikant versuchen.  Es ist also nicht allzu verwunderlich, dass die Verdi-Tochter connexx.av es schwer hatte, die Gründung eines Betriebsrates zu forcieren.

Jambas Ertragsquellen: „Das, liebe Kinder, sind der Marc, der Oliver und der Alexander. Die lachen immer ganz viel, weil sie sich so freuen.“ (hab ichs doch gewusst, die freuen sich wie ein Schneekönig) fängt Johnny Häusler an, in seinem Blog das Geschäftsmodell der Samwers zu beschreiben. Warum einen Klingelton verkaufen, wenn man auch ein ganzes Abo los werden kann? Stellt sich nur noch die Frage, wie? Die Antwort lautet Abo-Falle! Die Zielgruppe sind Kinder. Jedes ist mittlerweile mit einem Handy ausgestattet. Auf dem Pausenhof bringt man´s mit dem Nokia Standardgebimmel nicht sehr weit, da muss schon der bekloppte Frosch oder das süße, gelbe Knäuel her. Oder was auch immer gerade zwischen diesen störenden Musikunterbrechungen auf MTV und VIVA in der Klingeltonwerbung aktuell läuft. Was gestern in war,  ist morgen wieder out. Nur mit dem was die anderen noch nicht haben, lässt sich beeindrucken. Per SMS wird der neue Liebling fürs Handy bestellt und das Jamba Sparabo gleich mit.

Abo? Ja. Falle? Nein. – findet zumindest ein Jamba-Mitarbeiter und kommentiert in der von Häusler losgetretenen Diskussion: „Wer zu blöd ist, sich AGBs durchzulesen und das gesprochene Wort MONATS ABO nicht versteht, ist es (sic) selber schuld und sollte eigentlich auch gar kein Handy haben dürfen“. Wer einen 60 Zoll Fernseher in Full HD Auflösung hat, dem dürfte es sogar möglich sein, den winzig eingeblendeten Text zum Abschluss des Abos zumindest visuell zu entziffern. Vorausgesetzt er zieht schneller als Lucky Luke. Und zwar seine Fernbedienung, um den Freeze-Button zu drücken, bevor der nächst Spot kommt. Allen anderen und vor allem  den Kindern, deren Gedanken sich um den morgigen Pausenhof und nicht um AGBs drehen, wird die Abo-Falle zum Verhängnis. Meist sind es dann die Eltern, die auf der Rechnung sitzen bleiben. Eine ehemalige Mitarbeiterin Jambas berichtet im Interview mit Burkhard Schröder, dass sich beschwerende Eltern erst auf Möglichkeiten, bestimmte Dienste sperren zu lassen, aufmerksam gemacht werden, wenn sie schon fast am Weinen sind.

Die Kostenstruktur der Unternehmung Jamba hat zwei Schwerpunkte. Zum einen Lohnkosten der großen Mitarbeiterschaft. Dumpinglöhne helfen, diese im Zaum zu halten. Hinzu kommen Werbeausgaben in Höhe von 15 bis 17 Euro pro Kunden, was natürlich zu hoch wäre, würde jeder nur einen Klingelton für 4,99 € kaufen. Also wird als gewinnbringende Ertragsquelle jedem Neukunden ein dem Unternehmen regelmäßig wiederkehrende Einnahmen bescherendes Abo umgehangen. Das funktioniert, weil auf ahnungslose Kinder als Kunden abgezielt wird. Mündigeren Kunden schiebt man das Abo durch nicht vorhandene Produkttransparenz unter. Völlig undurchsichtige Geschäftsbedingungen führten bereits zur Abmahnung durch Verbraucherschützer und Bundesregierung.

223 Millionen Euro für den Geschäftserfolg mit Beigeschmack kassierten die drei Samwers, als sie in der zweiten Jahreshälfte in 2004 Jamba an VeriSign verkauften.

War es das wert? Pro: 223 Millionen Euro und eine Menge Arbeitsplätze wurden geschaffen. Contra: Der Welt mit Dauerwerbung auf die Nerven zu gehen wie kein anderer zuvor, um nervigen Schrott, produziert für Billiglohn, unters Volk zu bringen. Um das ganze rentabel werden zu lassen, müssen noch auf nicht gerade fairem Weg Abos mit verkauft werden.

Meckern über Jamba tuen viele. Doch Erfolg ruft nun mal auch immer viel Missgunst mit auf den Plan – nicht umsonst heißt es, dass Neid die primitivste Form der Anerkennung sei. Mehr noch als Meckerei hagelte es jedoch zum großen Teil begründete Kritik. Noch immer bekommt man viele aktuelle Treffer, wenn man Abofalle und Jamba googelt. Und die Aufforderung Johnny Häuslers,  die drei anzuspucken, wenn sie in Reichweite gelangen sollten,  steht immer noch…

Zu guter Letzt die Gewissensfrage, also Hand aufs Herz: Wer hätte die Nummer für 223 Million Euro nicht durchgezogen, wenn er das Zeug dazu gehabt hätte?

Autor: Jan

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  1. #1 von Alice am November 30, 2010 - 7:28 pm

    Der Artikel von Johnny Häusler ist ja wirklich herrlich!
    Eigentlich unglaublich, dass diese offizielle Art, die Leute bzw. Kinder (noch schlimmer!) zu verarschen rechtlich gesehen erlaubt ist!
    Gerade Kinder sind natürlich eine „leichte Beute“, weil sie, wie du ja beschreibst, natürlich keine AGB´s lesen und vor dem Wort „Abo “ auch nicht zurückschrecken.
    Von daher kann ich nur sagen: Wer auf diese Weise sein Geld verdient, der hat seine Moral udn seinen Anstand über Bord geworfen.

  2. #2 von Daniela am November 30, 2010 - 10:03 pm

    Hallo Jan,
    jetzt weiß ich was du damit gemeint hattest mit „die Samwer Brüder anspucken“… recht hast du irgendwie!
    Leider scheinen die Entrepreneur-Brüder nicht viel für Unternehmensethik übrig zu haben und auch kein Gefühl wie man nachhaltig, fair und gut mit Mitarbeitern umgeht.

    Ich hatte ja schon in meinem Beitrag zu Zalandos Geschäftsmodell deren Umgang mit Stakeholdern bemängelt, aber Jamba ist ja noch einen Zacken schärfer gewesen. Sowohl was die Mitarbeiter angeht als auch wie mit Kunden und deren Eltern umgegangen wird. Wenn sie den Eltern erst kurz vor dem Weinen verrät das bestimmte Dienste gesperrt werden könnten….

    Verbraucherschutz ist da wohl irgendwie überhaupt nicht in Sicht…

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